Antje Soleau: “Belonging and Beyond”, Veronika Moos-Brochhagen zu ihrer Mantelinstallation, Textilkunst international, Heft 4, Dez. 2005, S. 174-176
Belonging & Beyond - Veronika Moos-Brochhagen zu ihrer Mantelinstallation
Mit großem Erfolg haben die Kölner Textilkünstlerin Veronika Moos-Brochhagen (vergl. textilkunst international 3/04, 4/01 und 4/99) und ihre Liverpooler Kollegin Lin Holland in Köln und Liverpool ihre gemeinsam erarbeitete Installation „Belonging & Beyond“ an bisher vier verschiedenen Ausstellungsorten in ihren Heimatstädten gezeigt. „Belonging & Beyond“ ist eine Installation der besonderen Art: hier wurden Mäntel aus Köln und Liverpool zusammengefügt, die jeder ihre eigene Geschichte erzählen dürfen. „Belonging & Beyond“ ist also nicht nur eine stumme Aneinanderreihung von textilen Objekten, es ist eine sprechende Installation. Antje Soléau sprach mit Veronika Moos-Brochhagen die Intentionen der Künstlerinnen und deren Umsetzung.
A.S.: Veronika, Du hast gemeinsam mit Deiner Liverpooler Kollegin Lin Holland eine großartige Mantelinstallation verwirklicht, die mit riesigem Erfolg in Köln und Liverpool an mehreren Ausstellungsorten – oder besser gesagt: in Kirchen – gezeigt wurde. Wie hast Du Lin Holland kennen gelernt und wie seid Ihr auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?
V.M.-B.: 1999 sind fünf Künstlerinnen aus Köln nach Liverpool aufgebrochen, um Kollegen/innen zu suchen, die mit ihnen zusammenarbeiten wollten. Wir wollten Brücken bauen zwischen Köln und Liverpool, der ältesten Partnerstadt Kölns – seit 1952. Unser Ziel war es, das 50jährige Bestehen dieser Partnerschaft durch künstlerische Zusammenarbeit zu feiern. In einer eigens zum Zwecke des Kennenlernens konzipierten Ausstellung in Liverpool, luden wir Kölner Liverpooler ein. Hier lernte ich Lin kennen. In der folgenden Zeit besuchten wir uns gegenseitig in unseren Städten. Wir entdeckten Gemeinsamkeiten und Unterschiede in unserem täglichen Leben, sowohl im Beruf als auch im familiären Alltag. In unserem ersten gemeinsamen Projekt, das in Köln im Historischen Rathaus und in Liverpool in der Galerie View II im Rahmen der 50jährigen Jubiläumsfeiern gezeigt wurde, thematisierten wir unsere Begegnung mit: „the same only different“.
Nachdem dieses Projekt 2002 abgeschlossen war, hatten wir den Wunsch unsere Zusammenarbeit fortzuführen. Weiterhin stand der Gedanke „Brücken zu bauen“ im Raum. Nun ging es uns vor allem um die Kontaktaufnahme mit den Menschen unserer Städte. Sie wollten wir ganz konkret mit einbeziehen. Es sollte ein „Erforschen“ werden, mit dem wir nach den Menschen und ihren Erfahrungen fragten.
A.S.: Was heißt das „Belonging & Beyond“ und warum habt Ihr Euch ausgerechnet Mäntel für die Realisierung dieser Idee ausgesucht?
V. M.-B.: Belonging & Beyond thematisiert zwei unterschiedliche menschliche Erfahrungen, einerseits das Erleben einer Verbundenheit, Zugehörigkeit mit Anderen – belonging – und andererseits das Erleben und Suchen da – hinauszustreben – going beyond. Diese „Durchdringung“ wollten wir untersuchen, herausfinden, wie sich dies im Alltag der Menschen unserer Heimatstädte zeigt, unterscheidend oder gleich. Was konnte davon besser erzählen, als ein alltäglicher Begleiter, der ein Mantel für jeden von uns ist.
Der Mantel steht als Symbol für die Identität des Menschen, er folgt der Architektur des Körpers und besitzt ein Innen und ein Außen, Intimität und öffentliches Erscheinungsbild. Die Innenseite ist wärmend und schützend, die Außenseite zeigt Etikette und hält anderes ab. Ähnlich den Zelten der wandernden Nomadenvölker geht er mit auf Reisen und begleitet uns über viele Jahre.
Der persönliche Mantel besitzt oft eine ideelle Wertigkeit, seine eigene Geschichte und Zugehörigkeit. Er ist Ausdruck von Individualität und Träger von Erinnerungen. Mäntel bilden eine Brücke zwischen privatem und öffentlichem Leben.
A.S.: Ihr lasst die Mäntel quasi sprechen, ihre Geschichten erzählen. Was sind das für Geschichten?
V. M.-B.: Menschen aus Liverpool und Köln folgten der Einladung, einen alten, abgetragenen Mantel zu stiften. Dem Mantelstück seine Geschichte beizufügen, war unser besonderer Wunsch. Die Geschichten erzählen uns, warum die Mäntel nicht in die Altkleidersammlung wanderten.
Sie verweisen auf Vorhandenes, nicht Alltägliches, eine Wirklichkeit jenseits des banalen Stoffes. Sie erinnern an gute und schwere Zeiten, an Begegnungen und Ereignisse. Die Geschichten reichen von knappen Notizen bis zu ausschweifenden Liebesgeschichten – einige sind fröhlich, andere traurig, manche abenteuerlich, andere romantisch. Die Geschichten sind getragen von der Sehnsucht, dass mit dem Stiften des Mantels in ein Kunstprojekt etwas von dem Menschen oder der Erinnerung fortlebt.
A.S.: Ihr habt die Mäntel zu zwei unterschiedlichen Formen zusammengenäht und auf Stahlrohrgestelle montiert: zu einem Turm und zu einer Welle. Warum zwei unterschiedliche Formen und warum ausgerechnet diese?
V. M.-B.: Wir wollten zwei Dinge miteinander verbinden, das Alltägliche und das Besondere. Wir haben hierzu alltägliches Material verwandt, die Mäntel mit ihren besonderen Geschichten. Wir wollten aber auch die Verbindung von Stadt und Mensch aufzeigen.
Die eine Form besteht aus einem 6 Meter hohen Turm und nimmt Bezug auf die Stadt, zur Architektur. Mit der Form des Turmes wollten wir allerdings nicht nur an das alltägliche profane Haus in der Stadt, sondern an Türme erinnern, die das Stadtbild überragen.
Die andere begehbare Skulptur setzt sich aus einem gefalteten Kreis zusammen und nimmt Bezug zum Mensch. Sie ist wie ein übergroßer Mantel. Auch hier wählten wir bewusst nicht die alltägliche Form, sondern die eines liturgischen Mantels.
A.S.: Ihr habt Eure Installation bisher in vier Kirchen mit sehr unterschiedlicher Ausstrahlung gezeigt, je zwei in Köln und zwei in Liverpool. Warum ausgerechnet in Kirchen? Gab es keine anderen angemessenen Ausstellungsräume oder haltet Ihr die sakralen Räume für das am besten geeignete Umfeld für Eure Installation?
V. M.-B.: Andere Räume sind durchaus denkbar. Mich würde es zum Beispiel interessieren, sie auf einem Bahnhof oder einem anderen Knotenpunkt, den Menschen täglich passieren, aufzustellen und so zu einem kurzen Verweilen einzuladen, das jenseits der hektischen Routine liegt.
Die Kirchenräume sind einem Mantel ähnlich. Mit emporstrebenden Türmen nehmen sie einen festen Platz in der Silhouette einer Stadt ein und prägen das öffentliche Erscheinungsbild. Neben dem Außen besitzen die Kirchen, ebenso wie der Mantel, ein Innen. Hier bieten sie Schutz, sind ein Ort der Versammlung und Sammlung. Kirchen sind für mich keine Ausstellungsräume, sondern architektonische Mäntel, die innen belebt werden, vielleicht die letzten Räume, um der lärmenden Betriebsamkeit und einem berauschenden Konsum zu entfliehen.
Sie sind in der Tat weiterhin der Ort, den viele Menschen zur Ruhe oder Besinnung aufsuchen. Ein Ort für Taufe, Hochzeit, Beerdigung, ein Ort für Grenzerfahrungen und Lebensentscheidungen. Wir wollen die Menschen der Städte an dem Ort treffen, wo sie diese Fragen stellen.
In einem Kirchenraum, wie zum Beispiel St. Maria im Kapital in Köln, spürt man eine jahrhundertealte Sehnsucht, die uns Menschen verbindet und auch den Mänteln mitgegeben wurde. Menschliche Berührbarkeit, die nicht mit vorgefertigtem Kunstbegriff vor der Vitrine stehen bleibt, findet sich im sakralen Raum, hier ist er bestimmt für das „Andere“ jenseits der Oberfläche.
A.S.: Wie war die Akzeptanz Eurer Arbeit beim Publikum bzw. bei den jeweiligen Gemeindemitgliedern?
V. M.-B.: Wir haben in jeder Ausstellung ein Tagebuch ausgelegt und weit über 100 Seiten Kommentare erhalten. Von Gemeindemitgliedern und von Besuchern rund um den Erdball. Das hat uns sehr berührt. Die internationale Kommunikation ist es, die wir unseren Objekten gewünscht haben. Wir konnten die Mäntel weltweit sammeln, unsere Heimatstädte standen bei der Realisierung Pate, aber die Idee von Belonging & Beyond strebt darüber hinaus.
Es gab auch vereinzelte kritische Stimmen von Gemeindemitgliedern, die nicht immer glücklich über die Intervention in „ihrem“ Raum waren. Manche fühlten sich in ihrer gewohnten Besinnung oder Kirchenbetrachtung gestört.
Besonders diejenigen, die sich an der Mantelsammlung beteiligt hatten, waren sehr stolz, an dem Projekt Anteil zu haben und ihre Mäntel wieder zu finden. Es gab Mantelstifter, die fügten ihrer Geschichte in der Manteltasche während der Ausstellung neue Gedanken hinzu. Einige Mantelstifter aus Köln und Liverpool, sowie Projektbeteiligte reisten eigens zur Eröffnung erstmals in die Partnerstadt.
A.S.: Wie hat sich eigentlich Eure Zusammenarbeit über die doch nicht unerhebliche Distanz zwischen Köln und Liverpool gestaltet?
V. M.-B.: Dank der neuen Techniken ist unsere Kommunikation regelmäßig über E-Mails gelaufen. Für die Konzeption selber haben wir uns jedoch persönlich treffen müssen. Manches ist über die räumliche Distanz auch holprig gewesen. Wer kennt schon die Bedingungen im anderen Land? So ist eine Planung gut, aber die Realität sieht dann oft anders aus. Die Umsetzung in eine andere Sprache, die Transportwege mal im Links-, mal im Rechtsverkehr, nicht immer hatten wir genug Adapter zur Hand.
Unsere Spielregel hieß darum, jeder ist in seinem Heimatland zuhause und verantwortlich.
A.S.: Habt Ihr schon neue Pläne für gemeinsame Projekte in der Zukunft?
V. M.-B.: Im Augenblick wandern die Mäntel noch, womit wir logistisch gut beschäftigt sind. 2008 wird Liverpool Kulturhauptstadt Europas sein und ich bin eingeladen, mit einem künstlerischen Beitrag aus Köln dazu beizutragen. Hierzu gibt es erste Überlegungen, aber das Ganze steht in der Planung noch sehr am Anfang.
A.S.: Danke, Veronika, für das Gespräch und viel Erfolg mit Deinen weiteren Projekten.
© Veronika Moos, 2012
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