6. Internationales Shibori Symposium 14.-17.Mai 2005 in Japan und Post Events

Japan, Arogato gozaimass!
Dieses Jahr war es Japan, das zum 6ten Internationalen Shibori Symposium nach Tokio einlud.
Das stetige Bemühen von Yoshiko I. Wada, Vize Präsidentin des World Shibori Network (WSN), um einen Austausch zwischen Praktikern und Ausbildungsstätten fördert das Interesse und Wissen um die Shiboritechnik nunmehr seit 13 Jahren. 1992 in Japan gegründet, fanden seitdem Symposien in Indien (97), Chile (99), England (2002), (Tf. 1/2003) und Australien (2004) statt.
Für das 6. Symposium bereitete Y. I. Wada in Zusammenarbeit mit Professor Hiroko Watanabe und der Tama Art Universität ein internationales Vortragsprogramm, Workshops und Ausstellungen vor, das durch verschiedene „Textile Touren“ in und um Tokio abgerundet wurde.
Vor Jahren drohte die Shiboritechnik in Japan in Vergessenheit zugeraten. Dank des WSN wurde Shibori wiederentdeckt und so reizte (trotz der Entfernung von ca. 11 Stunden Flugzeit und 7 Stunden Zeitverschiebung) neben dem internationalem Symposium auch alte wie neue Textil– und Färberspuren im Tagungsland zu verfolgen. Eine 10tägige Textilroute (ISS Post Events) nach Nagoya, Arimatzu und Kyoto bot hierzu Gelegenheit. Diese Tour brachte ergänzend zu dem gut besuchtem Symposium nahezu 80 internationale Gäste Japan und miteinander näher.
 

Das Symposium in Tokio dauerte 4 Tage. „Textile Innovation: Cultivating a Future with Shibori.“, war Ziel der Veranstalter und so wurde unter diesem Leitgedanken Kreationen und Entwicklungen im Bereich Mode, Textil, traditionellem und zeitgenössischem Handwerk, sowie der Kunst und die Situation von Ausbildungsstätten fokussiert. Hierzu sprachen u.a. Holly Holcher (Direktorin, Museum of Art &Design, USA), Makiko Minagawa (Professorin an der Tama Art University), Clare Johnston (Professorin an der Royal College of Art/UK).
Cather Smith (USA), Patricia Black (Australien), Prof. Chung Kyung-Yeun (Korea) und andere präsentierten mit künstlerischen Statements ihre persönliche Entwicklung in Mode und Kunst. Anknüpfend an durch Veröffentlichungen und vorherige Symposien schon Vertrautes, fügten sich neue Aspekte und Forschungen hinzu. So die Betrachtung historischer Textilien von Francoise Cousin (Musee de l´Hommes, Paris/Frankreich): „Tie & dye in North African Textilien“, mit Fundstücken u.a. von Kinderkleidern in Shiboritechnik aus Algerien. Vassilis Zidianakia (Independent Costume Curator, Griechenland) beleuchtet in seinem Vortrag: "Ptychoseis - Folds and Pleats: Drapery from Ancient Greek Dress to 21st Century Fashion”, den Aspekt des Faltens. Er spannte einen inhaltlichen Bogen von antiken Gewändern, die 40 m lange Stoffbahnen in Falten um den Körper drapieren, bishin zur High-tech-Textilien von Issey Miyake und einer Videoperformance von Hussein Chalayan (Museum Groningen NL, widmet diesem Designer bis zum 4. September eine Einzelausstellung). Stuhlbekleidungen werden bei Hussein zu Kleidern, Stühle zu Koffern und ein Salontisch um Rock - „faltend“ transformiert.

So vielfältig die Perspektiven, so reichhaltig war auch die Palette der Darstellungen.

Einig, trotz unterschiedlicher Begriffbestimmungen zwischen Art/Craft/Fiberart, war man sich, dass in der heutigen technisierten Welt eine Zukunft für Shibori nur durch Professionalität und Fachwissen möglich ist. Für Diskussion blieb insgesamt wenig Zeit und so war es vor allem ein Nebeneinanderstellen, das keine Vollständigkeit für sich beanspruchte, sondern Vielschichtigkeit darstellte – ein Zusammenspiel mit wechselndem Zentrum. 

Neben den Vorträgen bestand das Angebot zur Teilnahme an Workshops (u.a. Prof. Catherine Ellis/ USA; Keiko Amenomori-Schmeisser/Japan, Australien; Ana Lisa Hedstrom/ USA; Kai Hayakawa/Japan; Hiroshi Ishizuka/Japan; Tsuyoshi Kuno/Japan). Die Workshops vermittelten einführende und vertiefende Techniken des Shibori. Dank der Übersetzung ins Englische konnte man dort auch Einblicke in Forschungsergebnis nehmen, die bisher nur in Japanisch vorliegen.

Zur Ausstellungseröffnung „Textile Catalysts: Shibori Shaping the 21st Century“ empfingen uns Studenten der Tama Art Universität eindrucksvoll trommelnd in farbenfrohen Kimonogewändern vor dem Tama Art Museum. Im Museum bot man eine Ausstellung über zwei Etagen, die namhafte Größen und Werke „freier“ Shiboriarbeiten zeigte. Neben dieser Ausstellung begleiteten das Symposium zahlreiche weitere in Tokio, die zum Teil das WSN international und national ausgeschrieben hatte. Von „Shibori Wearable Art“, „Shibori-New Beat“, mit Arbeiten japanischer Textil Studenten bis hin zu „Fiber As Art“ mit Miniatur Textilien 50 japanischer Künstler wurde eine reiche Palette präsentiert. In den Räumen der Universität, wo auch Musik, Theater, Bildende Kunst, Design und Kunstgeschichte gelehrt wird, konnte man zusätzlich Einblick in Textile Arbeiten der dortigen Studenten nehmen. Eine „Suitcase Show“ förderte den Austausch mitgebrachter Textilien zwischen den Teilnehmern. Weiter Ausstellungen und Workshops fanden im Rahmen der „Post Events“ in Nagoya und Arimatzu statt. Japan und das internationale Shibori Network stellte im Ganzen eine beeindruckend lebendige Shiboriwelt vor.

Unvergesslich bleibt die Textilperformance am letzten Symposiumstag: „The Voice of Sky Rain of Time“. Mit Disziplin, Konzentration und Bühnenpräsenz trugen Studenten der Tama Art Universität ein selbst entwickeltes Stück im Stil des Nô Theaters vor. Sie fesselten die Symposiumsteilnehmer mit einem spannungsvollen lyrischen wie pulsierendem Zusammenspiel auf der Bühne inmitten des Raumes. Gekleidet sowohl in farbenprächtig schwingenden, als auch schlicht gehaltenen Nô Gewändern in Shiboritechnik, bewegten sich die Schauspieler zu rhythmischen Klängen. Hart aufschlagende Bambusstöcke kontrastierten weiche Seidenstoffe. Große Bambusreisschalen und Papierschirmen ergänzten die künstlerisch eingesetzten Mittel. „Once, they lived on the same earth…some started to say that they should search for new lands and others started to say that they should stay….. Time passed… and then they came to live in different environments and became different races“. (http://sound.jp/textileperformance04)

Die anschließenden Tage waren gefüllt mit verschieden praktischen Touren in und um Tokio. Das Itchiku Koboto Museum im Schatten des Mount Fuji lud ein die „Jahreszeiten-Kimonos“ Kobotos zu betrachten. Das Museum mit Garten liegt inmitten der Naturlandschaft mit der sich Itchiku Koboto (1918-2003) zeitlebens auseinandersetzte und auf seinen Gewändern thematisierte.
„You can loose the way and never come out“, soweit der Künstler selbst zu seinen Natur- und Textilstudien über „Tsujigahana“, eine Textiltechnik die ins 13. Jh. zurückführt.

Mit exakt durchgeplantem Programm führte eine weitere Tour zu alten, historisch anmutenden Werkstätten und zu hoch technisierten textilen Produktionsstätten im Tokioer Stadtteil Hachiouji. Ende des 19.Jh. waren zwischen Hachiouji und Port Yokohama so viele Gewerbe, die sich der Textil- und Seidenherstellung widmeten, dass man die Straße auch Seidenstrasse nannte. Heute finden sich hier noch immer namhafte Textilproduktionen und Webereien, wie Seiwa Neckwear, Miyashin und HOTMAN (mit Technologie aus Deutschland), deren Produkte zur Sammlung im MOMA und im Vivctor&Albert Museum gehören. Die Tour öffnete die Türen zu Webereien und Indigo-Färbern, bei denen wir herzlich empfangen wurden. So auch bei Nori Koyama und seiner Familie. Bereits in der dritten Generation stellen sie „tie-dye-weaving“ Produkte her. Für diese Technik wird Garn vor dem Verweben mit Hilfe von Stauchung und Färbung gemustert. In der Färberei Kosoh-en erzählte man uns, dass junge Leute heute wieder an der Indigotechnik interessiert seien. Allerdings, sagt man uns, sei es schwer mit Indigofärben heutzutage wirtschaftlich zu arbeiten. Körperlich sei es eine harte Arbeit und sehr viel Zeit verbringe man in gebeugter Haltung, denn gefärbt wird hier in ebenerdigen Becken. Später, im Rahmen der Post Events, sollten wir bei Akihiko Izukura in Kyoto auch moderne Edelstahlbecken auf Tischhöhe sehen.

Während in Deutschland Museen historische Textilen ausstellen und gegen das Vergessen der Textilien und Techniken kämpfen, finden sich in Japan diese Zeugnisse nicht nur im Museum, sondern Textilwerkstätten, Designer und Künstler, die alte textile Techniken nutzen und weiterentwickeln.

Die Postevents führten dann nach Nagoya. Im Rahmen des World Quilt Carnival im Nagoya Dom wurde die Verbindung von Quilt & Shibori thematisiert. Mit internationalen Arbeiten aus der Shiboriszene präsentierte sich hier das WSN.

Ein weiteres Ziel war Arimatzu, ein altes Färberdorf, heute im Stadtgebiet von Nagoya. Takeda Shokuro rief hier 1608 Shibori ins Leben und der Ort florierte und wurde berühmt für seine Stoffe. 1784 brannte das Dorf fast völlig aus. Die Gebäude entlang der heute rekonstruierten Holzhäuser waren ehemals alle Shibori Geschäfte und selbst heute werden hier Shiboristoffe und Textilien angeboten. Erkundet man den Ort näher, entdeckt man entlang der Straße und in Hinterhöfen Produktionswerkstätten, Blaufärber und Kai Hayakawa in seinem Atelier, alle so bei der Arbeit, als wäre es das Selbstverständlichste Abzubinden und mit Indigo zu färben.

Shibori ist geformte Widerstandsfärbung, durch Faltung und Stauchung wird eindringender Farbe gezielt Widerstand geboten. Das Ergebnis ist sowohl eine hell-dunkel Musterung als auch ein dreidimensionales Relief. Es lässt sich über die textile Technik hinaus ein grundsätzliches Prinzip erkennen. Wachstum entsteht durch Widerstand, durch Kommunikation und Synergie zwischen Material und dem Prozess. Das Shibori Network begab sich zum 6ten Symposium nach Japan mit der Sehnsucht nach einer Bühne für diese Widerstandsfärbung, die die Welt, Kunst, Handwerk, Design, in Vergangenheit und Gegenwart verbindet und im Interesse aller einen Weg in die Zukunft sucht.

Einen herzlichen Dank an Japan für seine offenen Türen und seine große Gastfreundschaft!

Ein Land, das durch Beherrschung des Handwerks und Verfolgung seiner Tradition Textilem Heimat gibt und auffordert sichauch mit den Werten, die dahinter stehen, auseinanderzusetzen.

Das 7. Symposium wird voraussichtlich im Nordafrikanischen Raum stattfinden.

Moos-Brochhagen, Veronika: Das 6. Internationale Shibori-Symposium in Tokio/ 6th International Shibori Symposium, Tokyo. Textilforum 3/2005,S. 32-33

 

ISS 2005
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© Veronika Moos, 2012
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Techniques textiles: stratégie esthétique