Textilkunst: Ein- und Aussichten (only a german version)
aus “25 Jahre textile Kunst - 25 Jahre Galerie Smend”, Verlag der Galerie Smend 1998, S. 130/131
aus “25 Jahre textile Kunst - 25 Jahre Galerie Smend”, Verlag der Galerie Smend 1998, S. 130/131
Textilkunst - meine ersten Kontakte entstanden aus der Perspektive eines Kunststudiums der achtziger Jahre, bei dem ich mit großem Erstaunen und einer zunehmenden Identifikation die Weite der Textilszene kennenlernte. Das war mehr als Nähen und Stricken, das Material war eine Fundgrube für künstlerische Ideen und Gestaltungen und es gab hinsichtlich zahlreicher Dimensionen eine Vielzahl möglicher Vorbilder (z.B. M. Abakanowicz (geb. 1930) oder Ritzi Jacobi (geb. 1941), die als Bildhauerinnen und als Textilkünstlerinnen in der Öffentlichkeit standen). Die Biennale der Tappisserie in Lausanne (seit 1962) war Status quo. Textilschaffende waren auch in Deutschland aus ihrem Schattendasein herausgetreten, hatten sich verbündet und stark gemacht. Sie organisierten konzeptionelle Ausstellungen und riefen die deutsche Biennale der Textilkunst (1978) ins Leben.
Diese so genannte "textile Revolution" bewirkte nicht zuletzt die Begriffsbildung, das Bild und den Status der Textilkunst im Kontext der Kultur- und Kunstszene und die Abgrenzung zum reinen Kunsthandwerk, eine künstliche Trennung über die viel (vielzuviel) diskutiert wird und dem Gesamtbild der Textilkunst immer wieder zu schaffen macht. Es war vielversprechend und lockend in dieser lebendigen Szene Kontakte zufinden, mitzuarbeiten und zugestalten.
Die Textilkunst hatte ihren Stellenwert, vom anfänglichen Rand- und Schattendasein ins Licht gerückt.
Meine heutige Berufsbezeichnung, Textilkünstlerin, entnehme ich letztlich aus den Aktivitäten jener Kolleg(inn)en, die dem Selbstvertrauen der Textilkunst erst den Weg bereitet haben. Ich konnte an einen geebneten Weg anschließen.
Doch die Euphorie hat sich rasch gelegt und die nackten Tatsachen der Wirtschaftlichkeit zeigten mir bald, das "klassische Kunst" doch "besser" ist!? Mein Start in die berufliche Selbständigkeit war bereits von einer zunehmenden Skepsis der Öffentlichkeit gegenüber des Textilen geprägt. Trotz positiven Echos und guter
Kritiken war eine wirtschaftliche Unabhängigkeit von Beginn an fast unmöglich. Die Entwicklung, die zunächst vor allem "Grenzbereiche der Kunst" betraf, hat sich allerdings bis heute er-schreckend ausgeweitet und gipfelt aktuell im Rücktritt der Kulturreferentin der Stadt Köln, die die Durchführung ihrer Arbeit in dem gesteckten finanziellen Rahmen nicht mehr gewährleistet sah.
Im Bereich der Textilkunst begann die Rezession spätestens als die Biennale in Lausanne nur noch einen beschränkten Personenkreis zuließ. Später verschwand sie ganz (letzte 1993) , wie auch ihre kleine Schwester, die Deutsche Biennale der Textilkunst (letzte 1990).
Diese Stagnation der Textilkunst in der Öffentlichkeit, speziell hier in Deutschland, hat gewiß viele Gründe und Ursachen, die ich nicht alle an dieser Stelle ansprechen kann: Änderungen in den Wertmaßstäben sorgen für zunehmende Gewinnorientierung im Berufs- und Privatleben, es mangelt weiterhin an Ausbildungsmöglichkeiten und diesen wiederum an Praxisbezug, die wirtschaftlichen Möglichkeiten sind insgesamt einge-schränkt, hiervon sind besonders hart die nicht "klassischen" Kunstrichtungen betroffen, die fortschreitende Technisierung (Multimedia) scheint die manuell ausgerichteten, bildenden Künste zu verdrängen . All dies sind fremdbestimmte, äußere Einflüsse, die die Aufbruchstimmung und Fortentwicklung der Textilkunst mit gebremst haben. Warum erscheint mir jedoch, daß die Entwicklung in der Textilkunst noch negativer verläuft als in den übrigen Kunstrichtungen? Existiert innerhalb der Textilkunst nicht auch eine Stagnation von innen?
Die Textilkunst hat mit dem Tempo des zwanzigsten Jahrhunderts in kürzester Zeit Maßstäbe aufgearbeitet und gesetzt. Diese sorgten für Bewegung, doch die Entdecker sind in die Jahre gekommen und es wurde versäumt die Kontinuität zu sichern. Gebraucht wird heutzutage Ausdauer und die Kraft zur Integration. Immer wieder sucht und entdeckt die Textilkunst Grenzbereiche, die die nötige Stille und Konzentration zur kreativen Tätigkeit und zum Austausch bieten. Sowohl innerhalb der Textilkunst, als auch mit anderen Künsten finden immer noch und immer wieder überraschende Begegnungen statt. Leider finden sich immer weniger neue Kolleg(inn)en die bereit sind, sich in dieser insgesamt kritischen Situation mit der Textilkunst zu identifizieren, da weder die Möglichkeiten noch das Erscheinungsbild im Bewußtsein der Öffentlichkeit sind
Die Aufklärungsarbeiten hierzu sind bei weitem noch nicht abgeschlossen. Um so wichtiger ist es mit persönlichen Initiativen, wie zum Beispiel durch die der Galerie Smend, Textilkunst in den Kunstraum zu rücken und neue Berührungspunkte zu schaffen. Aktivitäten dieser Art werden nur durch ihre Kontinuität etwas in der Akzeptans der Öffentlichkeit ändern können.
Ich als Textilkünstlerin glaube an das Überleben der Textilkunst. Die Stärke dazu hat sie in sich selbst. In unserer schnelllebenden Zeit wird es immer wieder Menscheecn, vor allem Frauen geben, die ausbrechen und in Grenzbereichen stillere, langsamere, besinnlichere Prozesse und Thniken für ihre Arbeiten wählen werden. Und es gibt allerorts und zu allen Zeiten Menschen, die diese lebendige Kraft, des warmen und hautnahen Materials für sich zu schätzen
Veronika Moos-Brochhagen
© Veronika Moos, 2010
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